Mobile Gaming heute – ein Kommentar

Mann, waren dass noch Zeiten als ich im Laden mein nächstes Lieblingsspiel für den Amiga 500 gekauft habe. Auspacken, Diskette rein und der Spaß war garantiert. Naja, meistens zumindest. Natürlich war nicht jedes Spiel ein Meilenstein, aber selbst heutzutage bin ich immer wieder positiv überrascht, wie gut das ein oder andere Game gealtert ist und heute noch Freude bereitet, obwohl schon 20 bis 25 Jahre seit dem Erscheinen vergangen sind. Ich habe sogar manchmal das Gefühl, dass eine Retro-Revolution im Gange ist, wenn ich sehe wie viele Gamer sich wieder den alten Spielen zuwenden. Selbst auf Twitch verirren sich täglich zehntausende von Gamern in diese Nische.

War damals wirklich alles besser?

Ende der 1980er war mobiles Gaming noch mit viel Schlepperei verbunden. Den Rechner samt Monitor oder TV unter den Arm und ab zum nächsten Kumpel, mit dem man eine Runde spielen wollte – wenn das Spiel überhaupt die Möglichkeit dazu bot. Immerhin gab es funktionierende Zweispielerkonzepte auf den beliebten Rechnern, die mit zwei Joysticks für jede Menge Spielspaß sorgten, Netzwerkverbindungen waren eine Seltenheit. Heute sucht man Zweispieleroptionen an einem Rechner meistens vergebens. Später kamen Geräte wie der Gameboy oder der Sega GameGear auf den Markt und sorgen dafür, dass Videospiele auch unterwegs erlebbar wurden. Von dem was wir heute kennen, war das natürlich noch meilenweit entfernt.

Heute gehe ich in den App-Store und werde mit Spielen für mein Smartphone zugebombt. Tausende von Titeln buhlen um meine Aufmerksamkeit, aber nur die wenigsten schaffen es tatsächlich auf mein Mobiledevice. Warum? Bin ich zu alt dafür? Diese Frage könnte man sich stellen, immerhin bin ich gerade 39 geworden, aber das hat damit gar nichts zu tun. Vielmehr habe ich ein Problem mit den aktuellen Spielkonzepten im Mobilbereich. Vieles ist für mich als Kenner guten Spielvergnügens einfach – BULLSHIT!

Auf der einen Seite gibt es belanglose Minigames für Zwischendurch, auf der anderen Seite stehen aufwändige Produktionen mit jeder Menge Ingame-Kaufoptionen. Für mich ein No-go. Das Tüpfelchen auf dem i wäre noch ein Werbevideo von Walter Freiwald, der die nützlichen Funktionen bewirbt, die das Spiel einem verkaufen will.

Hinzu kommt die Tatsache, dass viele der Apps einfach lieblos produziert wurden. Immer wieder sehe ich, dass Spiele teilweise mehrere GB an Speicher auf meinem Smartphone belegen wollen, nur damit ich mich mal ein paar Minuten auf dem Klo zerstreuen kann, und dabei bekomme ich häufig noch nicht einmal viel Spieltiefe mitgeliefert. Warum ist es nicht möglich Spiele wenigstens in der Qualität zu produzieren, wie wir sie Anfang der 1990er-Jahre schon hatten?! Manchmal glaube ich, dass die Entwickler das Entwickeln verlernt haben. Ich sehe das als Armutszeugnis!

Die Suche nach den Perlen ist schwierig!

Bevor ich jetzt aber den Eindruck hinterlasse, heulend und mimimi-rufend an der Tastatur zu sitzen…Nein…ganz im Gegenteil! Es gibt auch die guten Spiele. Es gibt auch Entwickler die verstanden haben, dass Mobile Gaming vor allem eins machen soll…Spaß! Neben Remakes alter Spiele gibt es auch viele moderne Titel, die für gute Unterhaltung sorgen. Thimbleweed Park beispielsweise, dass gleich auf mehreren Plattformen erschienen ist und vom Urgestein Ron Gilbert stammt. Mit seiner Kickstarter-Kampagne um das Spiel hat er gezeigt, dass mit einem Herzensprojekt mehrere hunderttausend Dollar verdient werden können. Auch ein gutes Beispiel: der letzte Teil von Baphomets Fluch von Revolution Software.

Man erkennt bei dieser Auswahl natürlich meine Leidenschaft klassischer Point & Klick-Adventures aber es zeigt auch, dass dieses Spielkonzept für mobile Geräte perfekt geeignet ist. Dabei hat sich von der Machart her seit über 20 Jahren nicht viel verändert. Warum können daher andere Entwickler nicht Plattformer entwickeln, die auf den alten Konzepten beruhen und auch günstiger in der Herstellung sind? Damals wurden die Spiele teilweise von einer Person komplett im Alleingang entwickelt, heute wird gleich ein ganzes Studio benötigt, um ein Minigame zu erstellen. Auch hier sehe ich wieder Unfähigkeit!

Eine These

Ich wage zu behaupten, dass wenn sich ein Entwickler die Rechte an alten Commodore-Klassikern oder den ersten Konsolenspielen sichern würde und die Konzepte auf moderne Smartphones bringt, damit ein Millionengeschäft machen würde. Aber es passiert nicht oder nur in Einzelfällen. Es müssen immer Spiele sein, die für wenige Cent verramscht werden und im Anschluss einen Fünfer nach dem anderen aus den Geldbörsen der Spieler zieht. Wie ich finde – eine Frechheit!

Schnell wird dabei die Schuld bei den Käufern gesucht. Dann heißt es: Die Leute wollen eben nicht viel Geld für Spiele ausgeben. Meine Gegenfrage: Warum tun sie das dann auf anderen Plattformen?! Videospiele sind ein Milliardengeschäft. Mal ehrlich, die Store-Betreiber und Entwickler haben sich von Anfang an unter Wert verkauft und sind nun nicht mehr willens eine faire Preispolitik einzuführen. Dafür wird sich hinter dem Mantel von Ingame-Käufen versteckt – die ja auch bedeutend mehr Geld in die Kassen einspielen. Komisch! Ein lukratives Geschäft für die Entwickler und Store-Betreiber. Das funktioniert in der Breite so gut, dass niemand mehr auf die Idee kommt, ein Vollpreisspiel für Mobilgeräte anzubieten.

Der Umbruch kommt

Beim Thema verramschen fällt mir immer wieder ein prominentes Beispiel ein: Der Praktiker Baumarkt. Wer sich nur über niedrige Preise und Rabattaktionen definiert, ist schon dem Untergang geweiht. So sehe ich auch, dass sich der mobile Spielemarkt in den kommenden Jahren noch einmal komplett verändern wird. Auf anderen Plattformen ist die Spieleauswahl deutlich attraktiver und auch der Community-Gedanke wird dort unter den Spielern besser ausgelebt. Im mobile Segment daddelt jeder noch für sich alleine. An den Geräten ansich liegt es dabei nicht. Moderne Smartphones aus dem Highend-Segment bieten so viel Leistung, dass auch anspruchsvolle Spiele darauf laufen können. Durch die Kopplung mit dem Smart-TV im Wohnzimmer kann sogar auf eine Konsole verzichtet werden. Daran erkennt man schon, dass sich bald ganz neue Möglichkeiten in diesem Marktsegment ergeben werden. Ein Hybrid-Beispiel ist die aktuelle Nintendo Switch. Erstmals ist eine Plattform Wohnzimmerkonsole und mobile Gamestation in einem. Der nächste logische Schritt sind daher die Smartphones, die jetzt schon Möglichkeiten wie Augmented Reality oder Virtual Reality bieten.

Spieleentwickler, schaut auch mal in die Vergangenheit!

Mein letzter Appell richtet sich an die angehenden Spieleentwickler. Damals war nicht alles schlecht. Schaut euch doch mal die Spiele der 80er und 90er an. Simplicity ist hier das Stichwort. Überrascht uns mit Spielen, die Spaß machen und uns eine Geschichte erzählen und nicht nur alle fünf Minuten dazu zwingen die Kreditkarte wieder aus der Geldbörse zu holen. Vertreibt eure Spiele zu einem angemessenen Preis. Ihr sollt ja Geld verdienen und Spieler wie ich möchten es euch geben, aber dafür verlangen wir auch Qualität und langanhaltenden Spielspaß und keinen kurzweiligen Rotz!

 

In unserem Podcast diskutieren wir dieses Thema einmal ausführlich. Wer mag, darf gerne mal reinhören.