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Paradise Lost kommt nicht nur mit einem schönen Artwork daher, sondern nimmt uns mit auf eine Reise in ein „What if…“ Universum, in der die Nationalsozialisten 20 Jahre länger Krieg führen konnten, bis sie schließlich im verspäteten Untergang Atomraketen auf Europa abfeuern. Als Folge dieser atomaren Katastrophe liegt das Herz Europas In Schutt und Asche.

Wir beginnen unsere Reise als 12 jähriger Junge der kürzlich seine Mutter verloren hat. In Zwischensequenzen bekommen wir häppchenweise die Ausgangssituation geschildert, während wir die ersten Schritte in die dunkle Bunkeranlage wagen. Wie wir dort hingekommen sind, wissen wir nicht – aber darauf kommt es ja nicht an. Der Bunker ist leer und verfallen. Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, was hier passiert ist und dieses dunkle Geheimnis führt uns weiter und weiter in die tiefen des Bergs.

Mehr darf man an dieser Stelle schon gar nicht verraten, denn Paradise Lost ist ein Story-Adventure. Wir entdecken die Umgebung und lesen viel, sehr viel. Aber der polnische Entwickler PolyAmorous hat mit viel Liebe zum Detail gearbeitet und so kommt kaum Langeweile auf – aber Einsamkeit. Auf den ersten Blick sehen die weitläufigen Hallen atemberaubend aus. Die Größe des Komplexes kommt an einigen Stellen sehr gut zur Geltung, allerdings wird schnell klar, dass wir uns nur schlauchartig durch die Gänge und Hallen bewegen. Dabei stoßen wir auf allerhand Nazi-Symbolik und Hinterlassenschaften, die jeder aus Geschichtsbüchern kennt. In Paradise Lost gibt es keine Anpassungen für den deutschen Markt und so ist alles drin, was sich die Entwickler ausgedacht haben.

Atmosphäre kommt fast in jedem Raum auf.

In der ersten Stunde funktioniert das Spielkonzept sehr gut. Wir arbeiten uns vor, erhalten die ersten Informationsfetzen und erfahren, was die Nazis hier alles getrieben haben. Man ertappt sich dabei, dass der Forscherdrang stark getriggert wird, allerdings stochert man dann doch immer im diffusen Nebel herum. Im späteren Verlauf wirkt der ganze Bunkerkomplex dann nicht mehr realistisch. Man beginnt sich zu fragen, wo hier tausende von Menschen hätten leben sollen und da hilft es auch nicht, wenn man in weitläufigen Arealen am Horizont noch weitere Gebäude entdecken kann. Es gibt schlicht keine Wege dorthin und Sinn ergibt es schon gar keinen. Es kommt dann plötzlich das Gefühl auf, durch eine Kulisse im Freizeitpark zu laufen. Der Entwickler spielt sogar förmlich mit diesem Setting und lässt uns in Gebäude blicken, die von außen schick aussehen und dahinter nur Fassade sind. Ob man so einen Überlebensbunker konzipieren würde, ist fraglich. Und da ist auch schon das größte Manko des Spiels, die Authentizität – diese verlässt uns irgendwann und vermischt sich mit slawischer Mythologie, die zwar sehr interessant, aber für andere Länder nicht greifbar ist. Wer noch keine Berührungspunkte damit hatte, wird irgendwann mal die Suchmaschine bemühen müssen, um der ganzen Sache folgen zu können.

Auf diesem Gedenk-(Fried?)hof treffen wir auf zahlreiche slawische Symbolik.

Trotzdem wird in Paradise Lost ein schöne und vor allem traurige Geschichte erzählt. Wer Story-Adventures mag, wird es mögen etwa fünf Stunden durch die Gänge zu kriechen und jeden Hinweis zu suchen. Dann ist die Reise aber auch schon vorbei. Irgendwie leider, denn die Lore die aufgebaut wird ist großartig. Hier hätte PolyAmorous deutlich mehr rausholen können. Vor allem hätte dem Spiel mehr Content gut getan: mehr Rätsel und vor allen Dingen NPCs. Ganz alleine durch den verfallenen Bunker zu laufen ist an einigen Stellen dann doch zu fade. Dabei sind die erzählerischen Elemente die der Entwickler im Spiel einsetzt wirklich gut, nur verpuffen sie durch die leere der Spielwelt. Die Grafiker hingegen haben sehr gute Arbeit geleistet. Die Kulissen sind schön gemacht und hier steckt viel Liebe im Detail, allerdings muss man schon über die Rechtschreibung und Sinnhaftigkeit von Texten in der Spielumgebung den Kopf schütteln. Ein Muttersprachler hätte viele Fehler besser beurteilen können. Hier wurde am falschen Ende gespart. Apropos sparen, zum Ende scheint dem Team die Zeit davongelaufen zu sein. Es gibt zwar multiple Enden aber der letzte Abschnitt des Spiels läuft extrem ruckelig. Qualitätssicherung, nicht vorhanden. Das es kein Einzelfall ist, zeigen die Videos auf YouTube. Das zerstört die Atmosphäre, die zum Ende hin natürlich einen Höhepunkt erfährt, schade.

Story Adventures sind nun mal ein spezielles Genre, das man entweder mag oder nicht. Schade ist nur, wenn viel Potenzial zu erkennen ist und das Spiel dann die PS einfach nicht auf die Straße kriegt. Paradise Lost ist ein zersplitterter Diamant. Der Entwickler könnte deutlich mehr leisten und vielleicht ist dieses Debüt erst die Initialzündung zu weitaus tiefergehenden Titeln, wer weiß?

About author

Chris

Christian Thieme ist Fotograf, Journalist und PR-Berater. Der gebürtige Niederrheiner wurde in Wesel geboren und hat mit sechs Jahren seine Leidenschaft für Computerspiele entdeckt. Sein erstes System war der Commodore Amiga 500 gefolgt von einem 486er DX 40. Sein liebstes Genre sind Point & Click Adventures.

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