Verträumte Postapokalypse im besonderen Gewand

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Mo steht am Strand. Das Mädchen hat ihr Gesicht halb im gelben Regenmantel vergraben und lauscht dem Wind, der durch ihre dunkelblauen Haare weht. Eine kühle Meeresbriese und der Ruf von Möwen beruhigt sie. Sie entschließt sich weiter den Strand entlang zu gehen, bis sie plötzlich stehen bleibt. Gelbe Sporen liegen in der Luft und erschweren ihr das Atmen. Am Strand liegt die Leiche eines Wals. Mit Wunden übersäht hängen die Eingeweide aus dem aufgeschlitzten Bauch heraus. Der beißende Geruch, die grüne, verweste Zunge zeigen Mo, dass der Wal schon vor langer Zeit gestorben und zur Nahrungsquelle von Möwen geworden ist. Auch in diesem Moment nagen einige Möwen an dem Kadaver. Dies ist die Welt von „Minute of Island“.

Das Story-getriebene Rätsel-Adventure lockt mit einem hübsch gezeichneten Comic-Grafik-Stil, erzählt aber eine bittere Geschichte von zu hohem Druck, Depressionen und Angstzuständen. In der postapokalyptischen Welt kommt es regelmäßig zu Szenen, wie die anfangs beschriebene, welche unwahr wirken und einen stocken lassen. Ein großer Treiber der Stimmung ist die Musik. Sie ist häufig minimalistisch im Hintergrund, bringt mit langen, bedrohlichen Tönen oder anschwellenden Trommelgeräuschen eine bedrückende Stimmung hervor und repräsentiert das, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Neben diesen horrorartigen Stücken gibt es auch melodische, sanfte Stücke, welche aber meist einen melancholischen Anteil enthalten. Es werden zum Beispiel gezupfte Gitarrenseiten mit langsam gespielten Streichern und synthetischen Störgeräuschen verbunden, während die weibliche, englische Erzählerin (Schauspielerin Megan Gay) das Geschehen, Mos Gedanken, Gespräche oder die Geschichte erzählt. Diese macht ihren Job wirklich gut und treibt die Geschichte an vorgegebenen Stellen in den Vordergrund und trägt damit viele Informationen über die Spielwelt und die Gefühlslage der Protagonistin bei.

Minute of Island glänzt auch mit ruhigen Momenten, in denen, abgesehen von den Bewegungsgeräuschen, minutenlang keine Musik gespielt wird. Es sind nur Hintergrundgeräusche, wie zum Beispiel der Wellengang des Meeres und der Wind, zu hören. Diese Balance nutzt das Spiel um eine dichte und intensive Atmosphäre zu schaffen. Da das Spiel ernste Themen wie Angstzustände, Druck durch Verantwortung und Einsamkeit behandelt, ist diese dichte Atmosphäre nicht nur unterstützend, sondern auch notwendig.

Mo muss als Wächterin der Riesen verschiedene Aufgaben erfüllen, damit diese den Schutzwall gegen die tödlichen Sporen aufrechterhalten können. Damit schützt Mo nicht nur sich selbst, sondern auch die Bewohner der umliegenden Inseln. Hierbei hilft ihr das Omni Switch. Ein Stab, der als Werkzeug, Kompass und Lichtquelle dient. Wobei der Kompass fast schon hinfällig ist, da es in Minute of Island meist nur einen Weg gibt. Abzweigungen oder Nebenwege sind oft nach ein paar Metern schon zu Ende, sodass man sich bei dem Spiel mehr auf die Geschichte konzentrieren kann. Die ist der große Pluspunkt des Spiels, wenn Mo die Welt erkundet, mit ihrer Aufgabe ringt und innere Konflikte bewältigen muss. Ist sie dieser Aufgabe gewachsen? Wie kann sie gegen Ihre Ängste ankommen? Diese und einige Fragen mehr werden während der Spielzeit aufgeworfen und zum Beispiel mit inneren Monologen von Mo nahegebracht.

Das Gameplay hingegen fällt rudimentär aus. Lege einen Schalter hier um, springe auf den Vorsprung. Große Herausforderungen sollte man nicht erwarten. Ärgerlich ist hierbei lediglich, dass die Steuerung von Sprüngen ungenau ist. Zum Beispiel können Vorsprünge nur an definierten Stellen erklommen werden, egal wie hoch diese sind. Ein Zentimeter daneben greift der Kletterbefehl nicht mehr, sodass man hin und wieder unkoordiniert rumspringen muss, bis man den Vorsprung bestiegen hat.

Am Ende spielt man Minute of Islands nicht wegen dem Gameplay oder irgendwelcher Herausforderungen. Es ist mehr eine mystische Reise durch eine schöne und dennoch verstörende, postapokalyptische Welt ohne viel Ablenkung oder Herausforderung. Fans von Spielen wie die früheren Telltale Spiele oder Life is strange können bedenkenlos zugreifen.

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