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Mit Arcade Paradise liefert das englische Entwicklungsstudio Nosebleed Interactive seinen zweiten Titel ab. Auf Steam heimst das Spiel „sehr positive“ Kritiken ein und auch in den Fachmedien wurde der Titel immer wieder genannt. Warum der „Arcade Simulator“ in aller Munde ist und ob die Kritiken das Spiel zurecht in den Himmel loben, lest ihr in diesem Review.

Irgendwann zu einer Zeit in den 1990ern starten wir unsere Reise in die Welt der Arcade. Wir sind Ashley und unser reicher Unternehmervater hat keine Lust mehr darauf, dass wir faul unseren Alltag verbringen. Ohne mit der Wimper zu zucken, steckt er uns in eine alte Wäscherei, die wir ab sofort leiten sollen – oder sollte ich lieber schreiben: in der wir „leiden“ sollen? Das ist in groben Zügen der Beginn der Story. Nosebleed Interactive hat sich für den Einstieg am alten MTV-Look der 90er orientiert und irgendwie fühlt sich das auch cool an. Standesgemäß fahren wir mit dem Bus vor unser neues Arbeitsdomizil und beginnen in einer nicht gerade einladenden Seitenstraße unseren Leidensweg.

Der MTV-Style ist wirklich mal was neues.

Im vorderen Teil des Ladens stehen Waschmaschinen und Trockner, die wir manuell bedienen müssen, um Geld zu verdienen. Im hinteren Teil entdecken wir ein paar alte Arcade Automaten und beginnen natürlich direkt unser heimliches Arcade Paradies zu gründen. Allerdings gefällt unserem Vater dieser Alleingang gar nicht und daher pöbelt er uns immer wieder am Telefon an. An dieser Stelle höre ich allerdings mit der Story auf, denn auf der einen Seite will ich nicht spoilern, auf der anderen Seite ist die Rahmenhandlung eh langweilig.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Wer den bekannten Film mit Bill Murray kennt weiß, dass er jeden Morgen in Punxsutawney aufwacht und denselben Tag immer und immer wieder erleben muss. Solange, bis er durchdreht. Diesen Film haben sich auch die Entwickler zu Herzen genommen. Jeden Morgen betreten wir unsere Folterkammer, räumen auf, bringen Müll raus, beladen die Waschmaschinen, dann die Trockner und kriegen anschließend ein paar Kröten dafür. Sind wir nicht schnell genug, gibt es sofort Abzug bei der Vergütung. Die paar Dollar die übrig bleiben, investieren wir prompt in neue Arcade Automaten und können so Stück für Stück unsere Geschäftsräume vergrößern.

Im Shop Fitter vergrößern wir unsere Arcade, allerdings bekommen wir das im linearen Spielfortschritt vorgegeben.

Wirklich klasse ist, dass die Spielautomaten sogar komplett spielbar sind und wir Ziele erreichen und Spielzeit investieren müssen, um noch mehr Profit aus den Geräten zu schlagen. Nebenbei bekommen wir immer wieder E-Mails von Kunden, die mit uns auf Highscore-Jagt gehen wollen. Eine großartige Idee, wäre da nicht der Waschsalon, der uns ständig auf Trapp hält. Dabei verwöhnt uns das Spiel alle paar Arbeitstage mit neuen Möglichkeiten und lässt die Hoffnung aufkommen, dass unser Waschalltag irgendwann etwas leichter wird. Aber Pustekuchen! Je weiter wir im Spiel voranschreiten, desto arbeitsintensiver wird der Waschsalon. Nach über 20 Stunden Spielzeit rennen wir nur noch durch den Salon und können den Raum praktisch nicht mehr verlassen. Die Kasse muss ja klingeln, die die Automaten werden immer teurer und die Meilensteine im Spiel kosten auch mehrere Tageseinnahmen. Natürlich kann man den Waschsalon auch links liegen lassen, aber spätestens nach ein paar Minuten fängt unsere Uhr an zu piepen, die uns an unsere unerledigten Aufgaben erinnert. Das tut sie auch in den Arcade-Minispielen und so können wir uns auf kein Game richtig einlassen. Das Spiel zwingt uns immer wieder an die Waschmaschine – bis es richtig weh tut!. Und spätestens hier wird ein Großteil der Spielerschaft die Flinte ins Korn werfen und auf Steam einfach einen Retrotitel kaufen, anstatt sich weiter selbst zu kasteien.

Stundenlang müssen wir Waschmaschinen und Trockner bedienen.

Ich leide und liebe

Warum mich das Spiel nach weit über 30 Stunden immer noch fesselt, kann ich sagen: Es ist das Flair der Vergangenheit, was mich in den Bann zieht! Stück für Stück verwandelt sich das schäbige Gebäude in eine bunte Spielhölle. Unsere Arbeit verrichten wir bei 80er, 90er Soundalikes, bei denen wir immer den Originalinterpreten im Hinterkopf haben. Das Highlight sind die Automaten. Am Ende sind es satte 35 Geräte, die jeder ein voll funktionsfähiges Minispiel beinhalten. Es gibt sogar eine Multiplayer-Funktion (die habe ich allerdings nicht getestet). Die Games sind dabei sehr gute Klone bekannter Klassiker wie Space Invaders, Arcanoid oder PacMan. Die Entwickler haben extrem viel Mühe in diese Spiele gesteckt und das macht einen Teil des verlorenen Spielspaßes durch den Waschsalon wieder wett. Allein die Minigames sind es wert, das Spiel zu kaufen!

Alle 35 Spiele sind liebevoll und gut in Szene gesetzt.

Aber – das Entwicklerteam hat etwas sehr wichtiges vergessen. Es gibt keinen Freispielmodus – d.h. freigespielte Automaten kann man nur innerhalb der Kampagne nutzen, nicht aber aus dem Startmenü heraus. Dabei wäre das eine großartige Motivation gewesen, das Spiel immer installiert zu lassen, um den ein oder anderen Automaten mal spielen zu können. Im Kampagnenmodus werden wir auch nach Spielende immer wieder mit unseren alltäglichen Aufgaben konfrontiert. Das unterbricht den Spielfluss und macht auf Dauer keinen Spaß.

Ein großes Manko ist zudem die Progression. Sie ist erzwungen langsam, damit wir möglichst lange das Spiel „genießen“ sollen. Zum einen müssen wir Geld für Automaten und den Ausbau verdienen, zum anderen können wir durch Nebenaufgaben eine Zweitwährung erwirtschaften, mit der wir Upgrades kaufen. An dieser Stelle haben die Entwickler völlig versagt. Die Nebenquests bestehen meist daraus Ziele in Automaten zu erreichen. Dafür haben wir aber erst gegen Ende des Spiels, also > 30 Stunden Zeit. Einige Aufgaben sind einfach nicht machbar, da nicht genug Spielzeit zur Verfügung steht oder die erledigten Aufgaben werden durch einen Bug nicht registriert. Zudem helfen uns die Upgrades nicht weiter, da wir den meisten Kram nicht brauchen – er ist auch nicht spielrelevant.

Stück für Stück können wir unsere Arcade vergrößern.

Das Spiel ist keine Simulation

Neben den Upgrades bietet Arcade Paradise die Möglichkeit, Automaten zu optimieren. Wir können den Schwierigkeitsgrad und die Preise anpassen, um unseren Profit zu steigern. Dass machen wir einmal, vielleicht zweimal und erkennen dann, dass die Entwickler praktisch nur eine Einstellung vorgesehen haben, die für fast alle Automaten gilt. Wir können auch die Position von Automaten verändern, denn der Beliebtheitswert kann durch die Positionierung neben beliebten Automaten weiter gesteigert werden. Allerdings hat man auch hier vergessen Wertetabellen in die Kartenansicht einzubauen. Der Spieler muss also kompliziert über Untermenüs die Beliebtheitswerte der Automaten aufrufen, diese händisch notieren und dann seine Entscheidung treffen – macht keiner, weil es ein Hinkefuß ist! Weitere Simulationsmöglichkeiten gibt es nicht. Wir können unsere Arcade weder individualisieren oder umgestalten – schade.

Gelegentlich fallen Automaten aus und müssen repariert werden. Das läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Die Spielfigur hält plötzlich eine Platine in der Hand, auf der einige „Bugs“ herumkrabbeln, die mit dem Finger weggeschnippst werden müssen – fertig. Schön wäre es gewesen hier Minispiele einzubauen. Chips auslöten, Ersatzteile bestellen, Automaten tunen usw. – aber daran hat niemand gedacht.

Speichern können wir nur, indem wir den Tag abschließen und das Spiel beenden. Dadurch geht der Tagesumsatz flöten. Ebenso können wir das Geschäft nie früher verlassen und Feierabend machen, da sonst Umsatzeinbußen die Folge sind.

Fazit

Als Tester merkt man deutlich was zuerst da war, die Henne oder das Ei. In dem Fall das EI = die Arcade Automaten. Das Studio hatte bestimmt mal die Idee ein paar Arcade Games zu entwickeln oder vielleicht war das sogar ein Kundenauftrag. Die Spiele allein würden sich aber nicht verkaufen, also strickt man halt ein Spiel drumherum. Hätte sich das Team von Nosebleed Interactive etwas mehr Zeit genommen und wirklich eine Simulation gebaut, mit allerlei Individualisierungsmöglichkeiten und einem durchdachten Wirtschaftssystem, dann hätten wir jetzt einen Hit auf der Festplatte liegen – so nur einen Titel, der durch seinen Flair kurz die Spieler mitreißt und dann wieder in Vergessenheit gerät – wirklich schade.

 

6.0

Redakteur

Overall rating

Grafik
6.0
Minigames
10.0
Spielspass
4.0
Positiv
  • 35 Minigames
  • kreativ gestaltete Automaten
  • passende Musikuntermalung
  • Look der Zwischensequenzen
Negativ
  • kleinere Bugs im Spiel
  • monotoner Spielablauf
  • langweilige Story
  • kein Freispielmodus
About author

Chris

Christian Thieme ist Fotograf, Journalist und PR-Berater. Der gebürtige Niederrheiner wurde in Wesel geboren und hat mit sechs Jahren seine Leidenschaft für Computerspiele entdeckt. Sein erstes System war der Commodore Amiga 500 gefolgt von einem 486er DX 40. Sein liebstes Genre sind Point & Click Adventures.

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