YouTubes neue Richtlinien – eine kleine Polemik

Was mussten wir da neulich bei den Kollegen von Giga lesen? Der Titel verheißt schon einmal nichts Gutes: „YouTube: Neue Richtlinien verbieten Umsatz mit Ego-Shootern“. Für alle die es vielleicht nicht wissen: wer auf YouTube Videos hochlädt, der kann durch die Einblendung von Werbung Geld verdienen. Dies nennt man dann im Fachjargon „Monetarisierung“ und reicht für 95% der YouTuber gerade so zur Finanzierung des Hobbies YouTube. Um Videos zu monetarisieren gilt es jedoch für den frisch gebackenen YouTuber zunächst einige Bedingungen zu erfüllen: eine gewisse Anzahl von Aufrufen auf dem Kanal, Anmeldung beim YouTube Partnerprogramm und natürlich die Einhaltung der Richtlinien des Partnerprogramms. Um diese Richtlinien geht es im Artikel von Giga und in diesem hier. Denn YouTube hat die Richtlinien geändert und einen Algorithmus programmiert, der sich gezielt auf die Suche nach Videos macht, die vermeintlich gewaltverherrlichenden Inhalt haben. Dazu zählen eben auch einige Videospiele.

Zunächst einmal muss man den Artikel von Giga ein bisschen korrigieren (nichts für ungut, liebe Kollegen 😉 ). Es trifft nämlich nicht nur Ego-Shooter, sondern, wenn man mal im Artikel des Forbes Magazine nachliest, alle Spiele mit Waffen. Demnach, wenn man es GANZ genau nimmt, müsste auch Super Mario oder Zelda demonetarisiert werden. Nicht nur die Tatsache, dass die Demonetarisierung der entsprechenden Videos still, heimlich und ohne Ankündigung von YouTube stattfindet, sondern auch, dass der Algorithmus, der die Regeln bezüglich Gewalt durchsetzen soll, vollkommen Amok läuft und selbst Spiele als “gewaltverherrlichend” einstuft, die eine Freigabe für Teenager haben, lässt unsere Augenbrauen beim Hochziehen die Schallmauer durchbrechen. Anscheinend reicht es für den Algorithmus schon aus, wenn eine Waffe auf einem Thumbnail zu sehen ist oder im Titel das Wort Waffe erscheint. Jetzt kommt das eigentlich interessante… ich zitiere mal kurz die  Regeln zur Monetarisierung von YouTube:

„Gewalt: In Videos mit Inhalten, bei denen der Fokus auf Blut, Gewalt oder Verletzungen liegt und die ohne Kontext präsentiert werden, darf keine Werbung eingeblendet werden. Gewalt im Rahmen von Videospielen ist generell gestattet, Bildmontagen mit grundloser Gewalt allerdings nicht. Wenn gewalttätige Inhalte im Rahmen von Nachrichten (“Hier seht ihr die neue Waffe!”), Lehrvideos (“DAS Ende der Waffe zeigt auf den Feind!”), künstlerischen Projekten (“Ist das nicht eine schöne Waffe? Und wie das Blut dieses hübsche Muster an die Wand wirft!”) oder Dokumentationen (“Diese Waffe wurde auch im zweiten Weltkrieg verwendet!”) gezeigt werden, kommt es auf den zusätzlichen Kontext an.“ (Anm. v. Dave: Die Texte in den Klammern habe ich zur Verdeutlichung hinzugefügt.)

Das scheint mir doch sehr Wischi-Waschi und lässt leider SEHR viel Platz für Interpretationen. Zumal eindeutig “Gewalt im Rahmen von Videospielen” als okay deklariert wird.

Mal ehrlich. Ich versteh ja total, dass man keine Videos hochlädt und hofft damit Geld zu verdienen, in denen Menschen (echte, nicht die aus Pixeln und Polygonen) umgebracht, gefoltert oder sonst irgendwie misshandelt werden. Ich find‘s ja schon scheiße, wenn Kinder ihre Pausenschlägereien filmen und hochladen. Ich verstehe auch, dass (wie es auch im Forbes Artikel steht) so genannte „Kill-Streak“ Videos, die sich AUSSCHLIESSLICH mit den Szenen befassen, in denen der Opponent um das virtuelle Leben gebracht wird, demonetarisiert werden. Muss ja nicht sein. Vor allem, wenn es menschliche Gegner (aus Pixeln und Polygonen) sind. Aber auch das muss man wieder differenziert betrachten: Geht es darum, das Können des Spielers darzustellen oder geht es um den Akt des Umbringens? Wenn ich mit meinem treuen Plasmacutter durch die Ishimura renne um ein paar Viechern in „Dead Space“ den Garaus zu machen… das ist dann schlimm? Das ist gewaltverherrlichend? Der Algorithmus scheint das so zu sehen. Manchmal.

Den Vorstoß von YouTube, die ECHTE Gewaltdarstellung (oder auch die zu realitätsnahe oder grausame… #Postal2) nicht zu belohnen, finde ich grundsätzlich ja gut. Allerdings wird hier echt viel über einen Kamm geschoren. Mag sein, dass das nicht anders geht. Mag aber auch sein, dass YouTube bzw. Google sich da ein echtes Ei gelegt hat. Denn viele YouTuber, die sich mit Ego-Shootern oder „Spielen-mit-Waffen“ in ihren Videos befassen, werden von der Plattform abwandern. Das sind vor allem die Großen, denn die verdienen mit der Werbung ihr Haupteinkommen. Wenn die Großen aber gehen, nehmen sie Millionen von Zuschauern (die fleißig Werbung gucken und somit fröhlich Geld in die Kassen von YouTube spülen) mit. Forbes berichtet von YouTubern, die Umsatzeinbußen von bis zu einem Viertel verzeichnen. Stellt euch mal vor, euer Arbeitgeber sagt euch: “Ey, du machst hier einen echt geilen Job, aber leider kürzen wir jetzt einfach mal dein Gehalt um 25%. Warum? Weil wir es können!” Ich garantiere, ihr sucht euch auch einen neuen Job. Ich habe gehört, bei Twitch sind noch Stellen frei.

Von der Tatsache, dass in Deutschland auch Videos demonetarisiert werden, die sich kritisch mit umstrittenen Themen und sensiblen Ereignissen befassen, fange ich gar nicht erst an. Sonst platzt mir noch die pulsierende Ader auf der Stirn.